Hundert Kamele

Leinen los

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Vor einigen Tagen habe ich endlich auch meinen Pilotenkoffer in den Keller gebracht. Seit einem Jahr weiß ich, daß ich ihn nicht mehr brauchen werde, und doch stand er noch immer abreisebereit neben meinem Schreibtisch, bestückt mit Flugbuch, Sonnenbrille, Atlas und unzähligen anderen, mehr oder weniger sinnvollen, Gegenständen und Unterlagen, die mich über Jahre auf meinen Flügen als Kapitän begleitet haben. Jetzt steht er mit seinem ganzen Inhalt in einem Holzregal neben anderer, in Kisten und Kartons verpackter Vergangenheit, von der ich mich nicht trennen konnte.
Ein Abschied braucht Zeit und meine Flightkit war das letzte noch gegenwärtige Symbol meines Fliegerlebens, meines Berufs, den ich geliebt habe und der über viele Jahre mein Leben bestimmt hat.
Seit mir der Fliegerarzt am 19. November 2008 die Flugdiensttauglichkeit aberkannt hat, weiß ich, daß ich nie wieder ein Flugzeug steuern werde und daß ich mir andere Inhalte und neue Ziele suchen muß im Leben. Doch so wie vor einer Seereise die Leinen losgeworfen werden müssen, damit das Schiff hinaus aufs Meer kann, so muß auch für einen Neuanfang im Leben das Alte abgeschlossen sein, müssen die Bindungen an die Vergangenheit gelöst werden. Da mag es manchmal genügen, einen Koffer zu verstauen oder etwas wegzugeben, das seine Bedeutung verloren hat, doch in anderen Fällen, kann der Abschied nur gelingen, wenn Dinge nicht in den Keller geräumt, sondern auf den Tisch gelegt werden und noch mal ein offenes Wort gesprochen wird.

Meine Arbeitgeberin Lufthansa CityLine und ich hatten regelmäßig sehr unterschiedlich Vorstellungen davon, wie man mit technischen Defekten umgehen sollte und es ist uns in den gemeinsamen Jahren nicht gelungen, uns einander anzunähern. Es mag sogar sein, daß beide Seiten, wie es oft in langandauernden Konflikten der Fall ist, mit der Zeit immer radikalere Positionen eingenommen und damit der Auseinandersetzung zusätzliche Dynamik verschafft haben. Jetzt fliege ich nicht mehr und die Gegebenheiten im Flugbetrieb der Lufthansa CityLine könnten mir gleich sein, doch hat in den letzten Jahren ein Thema, so sehr wie kein anderes, mein Verhältnis zur CityLine geprägt, hat mich letztlich meine Gesundheit und meinen Beruf gekostet.

Seit 1994 bin ich auf dem Flugzeugmuster Avro RJ85 geflogen, einer moderneren Version der BAe 146, und ich habe über Jahre hinweg immer wieder Berichte über Öldämpfe geschrieben, die von den Motoren und der Hilfsturbine über die Klimaanlage ins Flugzeug geraten und von der Besatzung und den Passagieren eingeatmet worden sind. Ebenso wie andere Kollegen, habe ich auch von den Gesundheitsstörungen berichtet, die diese Öldämpfe ausgelöst haben. Lufthansa CityLine weiß, daß diese Öldämpfe giftige Bestandteile enthalten und doch wird der gegebenen Gefahr meiner Wahrnehmung nach noch immer nicht so begegnet, wie es meines Erachtens notwendig wäre. Deswegen darf hier das letzte Wort noch nicht gesprochen sein.

Written by admin

November 29th, 2009 at 1:43 pm

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