Auf der Baustelle der Wahrheit
Kennen Sie Tante Törtchen? Tante Törtchen hat einen Bauernhof und der Rabe Socke, der kleine Dachs und das Wildschwein Stulle wollen auf diesem ihre Ferien verbringen. Allerdings haben die Freunde eine andere Vorstellung über den Verlauf des Besuchs, als Tante Törtchen, weswegen sie auf Anregung des Raben beschließen, Tante Törtchen anzuschwindeln. Spielverderber würden zum Schwindeln auch Lügen sagen, erklärt der Rabe Socke seinen Freunden. Und wie das beim Lügen eben so ist, führt eine Schwindelei zur nächsten und das Lügen wird immer anstrengender und am Ende kommt doch alles raus und Tante Törtchen erfährt die Wahrheit.
Meine kleine Tochter liebt diese Geschichte sehr, vor allem der immer absurderen Lügengeschichten wegen, die sich der Rabe und seine Freunde einfallen lassen müssen. Das kleine Mädchen hat verstanden, daß das Schwindeln und Vertuschen letztlich doch nichts bringt, sondern nur alle schlechte Laune kriegen und die Lügner am Ende dumm dastehen und sich entschuldigen müssen.
Ich weiß nicht, ob das Management der Lufthansa CityLine manchmal die Geschichten vom kleinen Rabe Socke liest, aber es hat den Anschein, als hätte man gemerkt, daß es eng wird und daß die alten Behauptungen, alles wäre ganz wunderbar und man müsse sich keine Sorgen machen, nicht mehr haltbar sind.
Vielleicht aus diesem Grund hat vor kurzem der Flottenchef der AVRO-Flotte an seine Piloten ein Schreiben verschickt, in welchem erstmals eingestanden wird, daß es an Bord der AVROs tatsächlich ein ernstes Problem mit der Qualität der Kabinenluft gibt und regelmäßig giftige Öldämpfe in die Atemluft von Passagieren und Besatzungen gelangen.
Seit Jahren gebe es immer wieder Versuche, das „Problemfeld Luftqualität nachhaltig zu verbessern“, doch sei man bis heute nicht wirklich erfolgreich. Für dieses Jahr seien weitere technische Modifikation geplant und man hoffe, daß diese vielleicht zu einer echten Verbesserung führen würden. Bis dahin wolle man versuchen, durch geänderte flugbetriebliche Verfahren eine Verbesserung der Luftqualität zu erreichen. Außerdem erhalten die Piloten neue Anweisungen, wie sie im Flug die Leistung der Flugmotoren zu regeln haben. Salopp übersetzt bedeuten die neuen Anweisungen: „Sachte Gas geben!“ Laut Erläuterungen des Flottenchefs, ist das notwendig, weil die Motordichtungen nicht richtig abdichten, wenn die Leistung aus dem Leerlauf schnell erhöht wird, was dann immer wieder zur Folge hat, daß giftiges Motoröl in die Luftversorgungssysteme gerät.
Lufthansa CityLine gesteht auch erstmals ein, daß nicht die APU, sondern die Motoren die häufigste Ursache für Luftverunreinigungen sind. Nach Auskunft des Flugzeugherstellers gebe es bei der APU einen „Punkt“, der eine wahrscheinliche Quelle für eine Luftverunreinigung sei, an jedem Motor aber vier solche „mögliche Punkte“. Da jede AVRO der Lufthansa CityLine vier Motoren mit jeweils vier Problemstellen und eine APU hat, kann wohl gesagt werden, daß bei einem Flugzeug, in dem es nach Öl riecht, an siebzehn möglichen Stellen eine wahrscheinliche Ursache für die Luftverunreinigung gefunden werden kann.
Wenn man nun weiß, daß das verwendete Motoröl sehr giftig ist, und man diese siebzehn wahrscheinlichen Problemzonen am Flugzeug kennt, sollte man diesen in der Wartung sehr oft sehr viel Aufmerksamkeit schenken und im Fall einer Ölleckage, sich jeden dieser siebzehn Punkte genau ansehen, bevor man das Flugzeug weiter betreibt. Von der nach einer Kontamination der Luftversorgungssysteme notwendigen Reinigung ganz abgesehen, ist es dann eben nicht damit getan, wie bei Lufthansa CityLine nach meiner Erfahrung regelmäßig praktiziert, einfach die APU stillzulegen, damit einen der siebzehn „Punkte“ auszuschalten und mit den anderen sechzehn „Punkten“ munter weiterzufliegen.
Jetzt hat man zwar zugegeben, daß es schon lange ein Problem gibt, doch mag man diesem nicht so konsequent begegnen, wie man es nach meiner Ansicht den Mitarbeitern und Kunden schuldet. Täte man dies, würde das bedeuten, daß man mit seinen AVROs vielleicht nicht so oft fliegen könnte und deswegen noch weniger Geld verdienen würde, und was dem Raben Socke sein Urlaub auf dem Bauernhof ist, das sind dem Management der Lufthansa CityLine die schönen Zahlen, die gerade so sein sollen, wie man sie sich vorher so schön ausgemalt hat.
Vermutlich ist auch genau das der Grund, warum der Flottenchef seine Piloten zwar daran erinnert, daß an ihrem Arbeitsplatz Sauerstoffmasken zur Verfügung stehen, und daß man doch mal darüber nachdenken solle, ob man die nicht aufsetzen wolle, wenn Öldämpfe aus der Klimaanlage kommen, doch ist der Gebrauch dieser Masken bis heute nicht verpflichtend. Das ist erstaunlich, hat doch der Chefpilot selbst vor einiger Zeit eingestanden, daß das Motoröl ein Nervengift enthält, und da wäre doch eigentlich zu erwarten, daß deswegen Schutzmaßnahmen zwingend vorgeschrieben werden. Insbesondere, da für die Passagiere an Bord keine vor Giftstoffen schützenden Sauerstoffmasken vorhanden sind.
Deswegen wurde vom Flugzeughersteller auch ein Notverfahren veröffentlicht, welches angewendet werden muß, wenn Rauch („Smoke“) oder Dämpfe („Fumes“) ins Flugzeug eindringen. Dieses Notverfahren schreibt eine schnellstmögliche Notlandung vor. Nicht um Lufthansa CityLine das Leben schwer zu machen, sondern um die Menschen an Bord zu schützen. Bei Lufthansa CityLine schreibt man die Anwendung dieses Verfahrens bei giftigen Öldämpfen allerdings nicht zwingend vor, sondern stellt sich anscheinend auf den Standpunkt, daß Öldämpfe irgendwie ja nicht so richtig „Fumes“ wären, sondern mehr so ein Geruch („Smell“) und deswegen dürfen die Piloten mit Flugzeugen erstmal weiterfliegen, deren Luftversorgungssysteme mit Öl verunreinigt wurden.
Dem Flottenchef schreibt in seiner Veröffentlichung froh und heiter von der „Baustelle Kabinenluft“ und vielleicht denkt man ja bei der Bauleitung, wo gehobelt wird, da fallen Späne. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob unsere Passagiere sich mit dieser Sicht der Dinge anfreunden könnten, wenn Sie wüßten, daß sie auf einer Baustelle durch die Luft fliegen.
Bei Tante Törtchen feiert man ein großes Fest mit Musik, nachdem die Schwindelei aufgehört hat. Alle vertragen sich wieder und tanzen bis spät in die Nacht, auch der kleine Lügenrabe. Ob Tante Törtchen auch das Management der Lufthansa CityLine eingeladen hätte, das weiß ich nicht.