Hundert Kamele

Der Stand der Dinge

with one comment

Heute hat mich ein ferner Freund angerufen und gefragt, wie es so steht zwischen mir und der Lufthansa CityLine. Der Freund ist auch Pilot, wir kennen uns schon lange und wir haben über die alten Zeiten gesprochen, über damals, als wir auf der Lufthansa Pilotenschule das Fliegen gelernt haben und noch dachten, wo Lufthansa draufstehe, sei auch Lufthansa drin, und deswegen zur Lufthansa CityLine gegangen sind.

Wir haben dann ein wenig gewitzelt und gelacht und uns über unseren Idealismus lustig gemacht, doch nachdem ich aufgelegt hatte, blieb ein schales Gefühl zurück, denn das, was wir verspottet hatten, war einmal ein wichtiger Teil meiner selbst gewesen. Diese ungetrübte Begeisterung, der unbedingte Leistungswille und unsere ungetrübte Freude am Fliegerleben haben diese ersten Jahre als Pilot im Lufthansa-Konzern zu einem ganz besonderen Lebensabschnitt gemacht.

Es war eine schöne Zeit und die Erinnerung daran läßt mich manchmal noch heute meinen Beruf und viele liebe Kollegen vermissen. Zweieinhalb Jahre ist es her, daß ich das letzte Mal meine Uniform angehabt und im Flugzeug ganz vorne links gesessen habe, Freunde erzählen mir, wie ihnen ihre Pilotentätigkeit immer weniger Freude und immer mehr Qual bereitet, ich spreche mit Kolleginnen und Kollegen, die am Rande ihrer Leistungs- und Leidensfähigkeit sind -teils schon darüber hinaus-, und würde trotzdem an manchen Tagen noch selbst gerne ins Cockpit steigen und von oben auf die Wolken schauen.

Nun, das wird nichts mehr und es gibt auch für Piloten ein gutes Leben außerhalb der Fliegerei. Wenn man noch drin ist, fällt es schwer, sich das vorzustellen, ich weiß, aber dann funktioniert es doch. Daß ich hier seit Monaten nichts veröffentlicht habe, lag auch an diesem anderen Leben, das meine Aufmerksamkeit und Zuwendung erfordert und inzwischen viel wichtiger ist, als das frühere Fliegerleben.

Andererseits hat dieses Blog durchschnittlich über hundert Besucher am Tag und ich weiß aus vielen Gesprächen, daß das Thema Cabin Air Contamination noch immer Piloten und Flugbegleiter bei Lufthansa CityLine und anderswo mit Sorge erfüllt.

Vielleicht schulde ich deswegen einen kurzen Überblick über den Stand der Dinge.

Cabin Air Contamination

Das Problem existiert noch immer, weiterhin verunreinigt regelmäßig Motoröl die Atemluft an Bord deutscher Verkehrsflugzeuge und Passagiere und Besatzungen atmen Substanzen ein, welche als hochgradig giftig bekannt sind.

Nachdem dieses Thema nach Jahrzehnten des Verschweigens und Vertuschens in die Öffentlichkeit geraten ist, wurden bei Lufthansa CityLine erstmals Filter getestet, welche die Giftstoffe aus der Atemluft filtern sollten. Auf den mit Filtern ausgerüsteten Flugzeugen wurden von Lufthansa CityLine Luftmessungen durchgeführt, bei welchen sich zeigte, daß die Filter unwirksam waren, also weiterhin schädliche Stoffe in der Atemluft festgestellt werden konnten.

Außerdem stellte sich im Rahmen einer durch die Berufsgenossenschaft Verkehr im Jahr 2009 durchgeführten Betriebsbegehung heraus, daß Lufthansa CityLine zumindest bis zu diesem Zeitpunkt noch standardmäßig Pack Burns durchgeführt hat. So sollten durch Motoröldämpfe verunreinigte Klimaanlagen gereinigt werden.

Unter einem Pack Burn versteht man nichts anderes als ein Hochfahren der Klimaanlage auf Maximaltemperatur, die Luftversorgungsleitungen werden also mit heißer Luft durchgeblasen, um auf diesem Wege Verunreinigungen auszubrennen.

Der Hersteller der Flugzeuge, bei welchen Lufthansa CityLine dieses Verfahren anwendet, hat allerdings in seinen Wartungsunterlagen schon im Januar 2001 folgende Information veröffentlicht und diese besonders hervorgehoben:

„NOTE: The practise of performing a „PACK BURN“ … to „burn“ oil contamination from the ECS packs … is no longer recommended …“

Die Frage nach dem Grund für die Beibehaltung dieser Praxis bei Lufthansa CityLine trotz gegenteiliger Empfehlung des Flugzeugherstellers beantwortete ein leitender technischer Mitarbeiter mit dem Hinweis auf firmeneigenes Ingenieurswissen. Welches spezielle Wissen dies genau sei, blieb unklar.

In diesem Zusammenhang sollte man wissen, daß der Flugmotorenhersteller Allied Signal im Jahr 1997 bei der australischen Fluggesellschaft Ansett , nachdem es auf deren Flugzeugen regelmäßig zu Luftverunreinigungen durch Motoröldämpfe gekommen war, während solcher Pack Burns Luftmessungen vorgenommen hat. Dabei wurden -neben anderen Luftverunreinigungen- im Flugzeuginnenraum Belastungen durch den Giftstoff TCP gemessen, die viermal höher waren als der Wert, den Allied Signal damals als noch akzeptabel betrachtete.

BAE Systems war als Hersteller des Flugzeugs in diese Untersuchungen mit eingebunden, weswegen davon ausgegangen werden kann, daß diese Messungen einer der Gründe waren, warum man Lufthansa CityLine empfohlen hat, keine Pack Burns mehr vorzunehmen. Lufthansa CityLine meinte leider, es besser zu wissen.

Hier ist auch erwähnenswert, daß jede ungewollte Überhitzung der Klimaanlage an Bord der AVROs, wie sie gerade im Winter immer wieder passiert, letztlich nichts anderes ist als ein ungewolltes Pack Burn.

Öffentlichkeit

Dank vielfältiger gewerkschaftlicher Aktivitäten, insbesondere seitens der Vereinigung Cockpit, hat das Thema inzwischen eine gewisse öffentliche Wahrnehmung erfahren und es besteht Grund zur Hoffnung, daß deswegen auch auf politischer Ebene das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Politisches Handeln wird dann möglicherweise zur Folge haben, daß die zuständigen Behörden und Körperschaften ihren Aufgaben mit größerer Begeisterung als bisher nachkommen werden.

Gerichtsverfahren Tittelbach ./. Lufthansa CityLine GmbH

Aus Gesprächen mit Kollegen aus Cockpit und Kabine weiß ich, daß die Frage nach den arbeitsrechtlichen Folgen des Verlusts der medizinischen Flugdiensttauglichkeit für viele von Interesse ist. Wohl dem, der dann einen guten und fürsorglichen Arbeitgeber hat. Lufthansa CityLine hat sich auch in dieser Hinsicht nicht mit Ruhm bedeckt.

Wir stehen vor Gericht in zwei Verfahren:

Im ersten Verfahren fordere ich von Lufthansa CityLine Schadenersatz wegen Verletzung der arbeitgeberseitigen Fürsorgepflicht, den resultierenden Gesundheitsschäden und der folgenden Flugdienstuntauglichkeit.

Seit 2009 ruht diese Streitsache, bis es in dem bei der Berufsgenossenschaft Verkehr anhängigen Verfahren auf Anerkennung einer Berufserkrankung zu einer rechtskräftigen Entscheidung gekommen ist. Wenn es gut läuft, wird dies in einigen Jahren der Fall sein und das Verfahren vor dem Arbeitsgericht kann fortgesetzt werden.

Im zweiten Verfahren verlange ich von Lufthansa CityLine, mich in irgendeiner Bodentätigkeit weiterzubeschäftigen.

Ich befinde mich zwar bis heute in einem ungekündigten Arbeitsverhältnis als Flugkapitän und bekomme monatlich eine Gehaltsabrechnung, doch steht dort seit Jahren als Auszahlungsbetrag immer eine Null.

Lufthansa CityLine betrachtet mich für keine Bodentätigkeit als ausreichend qualifiziert und sieht keine Möglichkeit, mich weiterzubeschäftigen, natürlich zu ihrem größten Bedauern.

In diesem Verfahren ist vor kurzem in erster Instanz ein Urteil zugunsten von Lufthansa CityLine ergangen, d.h. meine Klage wurde abgelehnt. Demnächst geht es in zweiter Instanz vor dem Landesarbeitsgericht weiter.

Vereinfacht gesprochen liegt die Schwierigkeit dieses Verfahrens in der Tatsache, daß ich laut Arbeitsvertrag meine Arbeitsleistung als Flugkapitän schulde, aber genau diese Tätigkeit mangels Flugdiensttauglichkeit nicht ausüben kann. Wenn ich nun am Boden eine andere Tätigkeit ausüben möchte, muß ich vor Gericht beweisen, daß es bei meiner Arbeitgeberin einen anderen Arbeitsplatz gibt, den ich ausfüllen könnte. Lufthansa CityLine gestaltet allerdings alle Stellenausschreibungen, bei welchen Bodenarbeitsplätze für Piloten ausgeschrieben werden, so, daß immer eine begleitende fliegerische Tätigkeit Voraussetzung ist, womit ich dann als Bewerber nicht in Frage komme.

Würde Lufthansa CityLine mir kündigen, wäre die Situation eine etwas andere, denn dann könnte ich Kündigungsschutzklage erheben und in diesem Verfahren wäre es an Lufthansa CityLine zu beweisen, daß sie mich nicht weiter beschäftigen kann. Dabei wird seitens der Gerichte stets eine gewisse Fürsorgepflicht des Arbeitgebers gegenüber einem langjährigen Mitarbeiter angenommen, die bei erwiesenen Pflichtverletzungen des Arbeitgebers umso höher angesiedelt wird. Grobe Fahrlässigkeit in Fragen des Arbeitsschutzes und daraus resultierende Gesundheitsschäden bei einem Mitarbeiter haben in einem solchen Verfahren ein großes Gewicht.

Weil Lufthansa CityLine genau diesen Rechtsstreit nicht führen möchte, kündigt sie mir nicht und hofft, daß ich selbst unseren Bund irgendwann entnervt löse. Genau darauf hat man auch kräftig hingearbeitet.

In der gesamten bisherigen Auseinandersetzung entspricht das Verhalten der Lufthansa CityLine GmbH dem einer mangelhaft sozialisierten Fünfjährigen, die man am Schnapsregal beim Klauen erwischt hat: spucken, beißen, treten, das ganze, unschöne Programm. Vielleicht sollte man mal mit den Eltern sprechen. Aber wahrscheinlich klaut die Kleine eh für Mutti.

Written by admin

Februar 26th, 2011 at 6:47 pm

One Response to 'Der Stand der Dinge'

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  1. Vielen, vielen Dank für diese aufschlussreiche Seite. Ich kann gar nicht sagen wie sehr es mich erleichtert, dass nicht nur ich solche Schwierigkeiten mit der LH habe.

    always happy landings
    flyingyanell

    Flyingyanell

    17 Okt 11 at 14:29

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