Hundert Kamele

Gesundheitskompromiß bei Lufthansa CityLine

with 3 comments

Etwas muß passiert sein bei Lufthansa CityLine, denn einer aktuellen Veröffentlichung der Abteilung FT, welche u.a. die Piloten über neue technische Verfahren informiert, ist ein erstaunliches Eingeständnis zu entnehmen. Nachdem die Unternehmensführung über Jahre beharrlich behauptet hat, das Einatmen von Öldämpfen sei völlig unbedenklich, Gesundheitsschäden seien auszuschliessen und es handele sich überhaupt ja nur um „Ölgerüche“, also letztlich ein olfaktorisches Ärgernis, informiert nun der technische Pilot der AVRO-Flotte über eine die Klimatisierung betreffende Verfahrensänderung, mit welcher man einen Kompromiß zwischen „möglichst gesunder Luft“ und einer angenehmen Kabinentemperatur gefunden zu haben glaubt.

Lufthansa CityLine gesteht damit erstmals ein, daß die aus der Klimaanlage strömende Luft zumindest phasenweise ungesund ist. Ein großer Schritt für dieses Unternehmen.

Besser spät, als nie, weswegen dieses Eingeständnis grundsätzlich zu begrüßen ist.

Der nächste Schritt muß nun sein, daß sich Lufthansa CityLine nicht mit einem Kompromiß zu Lasten Ihrer Mitarbeiter und Kunden zufrieden gibt, sondern für tatsächlich schadstofffreie Atemluft an Bord ihrer Flugzeuge sorgt, handelt es sich doch bei den Substanzen, welche die Atemluft an Bord ungesund machen, um gefährliche Gifte.

Die auf Entwicklung und Herstellung von Meßtechnik spezialisierte Firma Airsense Analytics GmbH hat in Zusammenarbeit mit der Lufthansa Technik AG vor kurzem ein Gerät zur Messung von Gefahrstoffen entwickelt, welches unter der Bezeichung aerotracer vertrieben wird. In einer mir vorliegenden Präsentationsunterlage bewirbt der Hersteller das Gerät u.a. mit folgendem „Key Benefit“: „reduce the exposure of passengers and crews to harmful substances“.

Welche Schadstoffe das sind, die mit den Öldämpfen in den Flugzeuginnenraum gelangen, ist noch nicht abschließend geklärt, fest steht aber, daß Trikresylphosphat/TCP dabei eine wichtige Rolle spielt, ein Nervengift, bei welchem insbesondere die Ortho-Isomere hochtoxisch sind und das Nervensystem dauerhaft beschädigen können.

Einer Gruppe von Forschern um Prof. Clement Furlong an der University of Washington in Seattle ist nun erstmals der Nachweis eines dieser Ortho-Isomere, dem T-O-CP, im Blut von Flugpassagieren gelungen.

Aufsehenerregend ist dieses Forschungsergebnis auch deswegen, weil die betroffenen Passagieren keinen Fume Event erlebt hatten, es also bei keinem der Flüge zu einer merkbaren Kontamination der Atemluft gekommen war. Obwohl keines der Flugzeuge einen erkennbaren Defekt aufwies, war trotzdem nach den Flügen T-o-CP im Blut der untersuchten Passagieren nachweisbar, welches vor dem Flug nicht vorhanden war.

Wenn es nun schon auf einem Flug mit einem Flugzeug, auf dem keine Öldämpfe wahrnehmbar waren, zu einer TCP-Kontamination der Insassen kommen kann, bedarf es keiner besonders ausgeprägten Phantasie, sich vorzustellen, wie groß die Schadstoffbelastung bei einem Fume Event sein wird, wenn also Motoröldämpfe im Flugzeug deutlich wahrnehmbar sind.

Bisher wußte man nur, daß das Gift im Öl ist und das Öl immer wieder in die Atemluft kommt, allerdings fehlte der wissenschaftliche Nachweis des Gifts im Körper der Menschen, die das Gift eingeatmet hatten. Deswegen beharrten Fluggesellschaften wie Lufthansa CityLine darauf, von diesen „Ölgerüchen“ gingen keine Gesundheitsgefahren für Ihre Mitarbeiter oder Fluggäste aus.

Diese Behauptung ist jetzt immer schwieriger aufrechtzuerhalten, was der Grund dafür sein mag, daß man sich bei Lufthansa CityLine jetzt zu einem Kompromiß mit „möglichst gesunder Luft“ entschlossen hat.

Auch eine Reihe von anderen wissenschaftlichen Veröffentlichungen hat in den letzten Monaten das Thema Cabin Air Contamination stärker in den Fokus von Wissenschaft, Politik und Medien gerügt:

Aufmerksamkeit hat die Forschungsarbeit von Kasper Flatland Solbu erregt, der bei Messungen im Rahmen seiner Doktorarbeit während eines Fume Events TCP nachweisen konnte (Solbu stellt diese Arbeit auf seiner Website zum Download zur Verfügung),

die frühere Pilotin Dr. Susan Michaelis, hat -nach der Veröffentlichung des Aviation Contaminated Air Reference Manual im Jahr 2007- unter dem Titel „Health and Flight Safety Implications From Exposure to Contaminated Air in Aircraft“ ihr inzwischen zweites Buch zum Thema veröffentlicht

und auch die deutsche Arbeitsmedizin hat erste Ergebnisse vorzuweisen: Auf der 51. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V. im März 2011 in Heidelberg haben Forscher des Instituts für Arbeitsmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover von ihren Forschungsarbeiten berichtet, im Rahmen derer sie im Staub eines einem Flugzeug entnommenen HEPA-Filters u.a. TCP gefunden hatten. Hierbei ist zu beachten, daß HEPA-Filter so konstruiert sind, daß sie Bakterien und Viren aus der Kabinenluft entfernen, sie sind nicht dafür geeignet, Giftstoffe aus den Luftversorgungssystemen zu filtern. Auch die häufig vorhandenen Aktivkohlefilter können zwar Gerüche beseitigen, binden allerdings keine Nervengifte. Es muß daher davon ausgegangen werden, daß es sich bei dem von den Hannoveraner Forschern gefunden TCP nur um einen kleinen Teil der Giftstoffmenge handelt, die den entsprechenden Filter passiert hat.

Auch in Teilen der deutschen Politik gibt es inzwischen ein ausgeprägtes Problembewußtsein, was die vielfach mit Öldämpfen kontaminierte Atemluft an Bord deutscher Verkehrsflugzeuge betrifft. In den vergangenen zwei Jahren waren vielfältige Bemühungen wahrnehmbar, die zuständigen Behörden und den Gesetzgeber zum Handel zu bewegen. Leider ist es aber in der Politik nicht so, daß jedes erkannte Problem auch immer Konsequenzen nach sich zieht. Erst wenn das Problem mehrheitlich als solches erkannt wurde und man sich über den Handlungsbedarf einig ist, passiert auch etwas.

Der Tourismusausschuss des Deutschen Bundestags hat das Thema Kontaminierte Kabinenluft nun auf die Tagesordnung seiner Sitzung am 21. September gesetzt und wird an diesem Tag ein Experten-Hearing abhalten.

Allerdings ist damit noch nicht gesagt, daß sich danach wirklich etwas ändern wird. Noch haben nicht alle Abgeordneten des Ausschusses erkannt, daß dringender Handlungsbedarf besteht und die mit Öldämpfen verunreinigte Kabinenluft an Bord vieler Flugzeuge nicht nur die Gesundheit des fliegenden Personals beeinträchtigt, sondern auch Passagiere gefährdet sind.

Die Luftfahrtindustrie wird dem Ausschuß bereits im Vorfeld Unmengen von Papier zukommen lassen und versuchen, den Ausschußmitgliedern ein X für ein U vorzumachen, um dann beim Hearing schließlich Experten aufzubieten, welche den Abgeordneten erzählen, an dem Thema sei nichts dran, Oil Fume Events seien extrem selten und überhaupt ungefährlich.

Jeder Passagier oder Mitarbeiter des fliegenden Personals, der es besser weiß, hat allerdings die Gelegenheit, dem eine eigene Stellungnahme entgegenzusetzen, den Abgeordneten von eigenen Erlebnissen oder Erkrankungen zu berichten und so dazu beizutragen, daß jetzt auch in Deutschland Regierung und Gesetzgeber aktiv werden.

Das Sekretariat des Tourismusausschusses des Deutschen Bundetags ist zu erreichen unter tourismusausschuss@bundestag.de.

Written by admin

August 19th, 2011 at 9:14 am

3 Responses to 'Gesundheitskompromiß bei Lufthansa CityLine'

Subscribe to comments with RSS or TrackBack to 'Gesundheitskompromiß bei Lufthansa CityLine'.

  1. Liebe Leser,

    zunächst vielen Dank an den Autor des Textes. Im Jahr 2008 bin ich flugdienstuntauglich geworden und kämpfe seither mit den Folgen der Kontamination. Allen Betroffenen kann ich nur raten, möglichst zeitnah nach einer Kontamination ein Biomonitoring durchführen zulassen und sich professionelle Hilfe bei einem Umweltmediziner und Neurotoxikolgen zusuchen. Zu hoffen bleibt, dass die Gesetzgebung geändert wird, die Betroffenen Unterstützung und Akzeptans finden, die Airlines die Crews und Passagiere informieren und schützen.
    Beste Grüße Ines

    Ines

    24 Aug 11 at 09:11

  2. Man sollte die Luftfahrtgesellschaften dadurch strafen, dass man a) weniger fliegt, undb) diejenigen Gesellschaften explizit und veröffentlicht boykottiert, die solche Dinge zulassen.

    Da muss sich manche so “hochnoble” Gesellschaft doch endlich geschlagen geben.

    Ich für meinen Teil werde daher nicht mehr fliegen und ich hoffe auf Mitstreiter!

    Reinhold info@ivuev.de

    31 Aug 11 at 09:18

  3. Hallo Reinhold, man bestraft mit Nichtfliegen leider nicht nur die Luftfahrtgesellschaften!
    Es geht um alle Airlines, die solche Dinge zulassen, so viel ich weiß, ich habe noch von keiner Ausnahme gehört.
    Vielen herzlichen Dank an den Autoren dieser Seite für seine ruhige und sachliche Aufklärung. Mir hat diese Internetseite sehr viele Erklärungen für viele Probleme gegeben. Außerdem kann man diese Seite sehr gut weiterempfehlen, was ich fleißig mache.
    Viele Grüße, Katrin

    Katrin

    5 Nov 11 at 00:43

Leave a Reply